Zur Scheinheiligkeit der Doping-Bekämpfung
23. Oktober 2007Offener Brief von Spiegel-Redakteur und Doping-Buchautor Udo Ludwig an den deutschen Olympischen Sportbund (DOSB)
Am 2. Oktober ging in der Redaktion des SPIEGEL ein offener Brief von DOSB-Generalsekretär Michael Vesper ein. Er reagierte damit auf einen Artikel von Doping-Aufklärer Prof. Werner Franke und Udo Ludwig („Traum vom sauberen Sport“), in dem Franke/Ludwig Passagen aus ihrem Buch “Der verratene Sport” vorab veröffentlicht hatten. Vesper hob insbesondere die angeblich wegweisende Haltung des DOSB im Anti-Doping-Kampf hervor und behauptete, der „15-Punkte-Rettungskatalog für einen dopingfreien Sport“, den Franke und Ludwig in ihrem Buch entwickeln, sei längst umgesetzt.
Ebenfalls in einem offenen Brief widerlegt nun Udo Ludwig, SPIEGEL-Journalist und Co-Autor des Anti-Doping-Buches „Der verratene Sport“ (mit Professor Werner Franke) Vespers Behauptung, der DOSB habe die Vorschläge der beiden Autoren für einen dopingfreieren Sport „in nahezu vollem Umfang bereits ergriffen“. Gerade in den aktuell diskutierten Fällen der dopingbelasteten und weiterbeschäftigten Trainer habe auch der DOSB keine ruhmreiche Rolle gespielt.
Der Brief in vollem Umfang:
Hamburg, 22. Oktober 2007
Betr: „Der Traum vom sauberen Sport“, in: DER SPIEGEL 38/2007
Bezug: Ihr Schreiben vom 25. September 2007
Sehr geehrter Herr Dr. Vesper,
in Ihrem Brief an die Chefredaktion des SPIEGEL reagieren Sie auf unseren Bericht vom 17. September. Die Chefredaktion des SPIEGEL hat mich als Mitautor gebeten, Ihnen zu antworten.
Lassen Sie mich zunächst eine Vorbemerkung machen: Sie schreiben, dass der Sport dem SPIEGEL zahlreiche wertvolle Beiträge zum Kampf gegen Doping verdanke. Der hier zur Diskussion stehende Bericht betreibe jedoch „in ungewöhnlicher Form werbende Selbstrezension“ über das Buch „Der verratende Sport. Die Machenschaften der Doping-Mafia“ aus dem Zabert Sandmann Verlag. In der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL (Seite 84, „Schmutzige Karrieren“) können Sie sehen, dass Sie uns als kritische Begleiter Ihrer Arbeit nicht verlieren werden.
Wenn Sie die Berichterstattung des SPIEGEL verfolgen, werden Sie zudem wissen, dass es eine seit Jahrzehnten gepflegte Tradition des SPIEGEL gibt, wichtige Bücher in Vorabdrucken vorzustellen. Dafür gibt es mehrere Formen. Mal werden Buchinhalte wiedergegeben, mal werden Interviews mit den Autoren geführt, mal werden aber auch, wie in diesem Fall geschehen, die Autoren um Kurzfassungen ihres Buches gebeten. Als ehemaliger Politiker der GRÜNEN wird Ihnen nicht entgangen sein, dass DER SPIEGEL zwei Wochen nach dem Bericht von Franke/Ludwig in ähnlicher Weise, diesmal sogar in einer Titelgeschichte, auf das Buch Ihres Parteigenossen Joschka Fischer reagiert hat.
In dem hier vorliegenden Fall hat sich der Vorabdruck darauf konzentriert, Lösungsvorschläge von Franke/Ludwig zur Dopingproblematik vorzustellen.
Ihren inhaltlichen Anmerkungen kann ich nur widersprechen. Die deutschen Sportorganisationen haben bisher kaum Wesentliches zur Bekämpfung der Dopinggebräuche im deutschen Sport beigetragen. Im Gegenteil, die deutsche Sportgeschichte der letzten 40 Jahre ist voll von Beispielen der Duldung und der Mittäterschaft der Sportorganisationen selbst. Bezeichnenderweise fehlt denn auch heute noch jeder belegte Bericht, jede Anthologie, jedes Weißbuch dieser Verbände zu ihrer Dopingvergangenheit. In Ihrer Replik zum Buch „Der verratene Sport“ leisten Sie sich und dem DOSB, der seinen Brief an den SPIEGEL auch ins Internet gestellt hat, deshalb eine Fehlinformationen: Die Sportverbände haben zwar häufig und gebetsmühlenartig den dopingfreien Sport gefordert, die konkreten Schritten blieben jedoch stets hinter den Ankündigungen zurück. So können die von uns aufgezeigten Initiativen auch keineswegs, wie Sie schreiben, „als spätes Lob“ Ihrer Arbeit aufgefasst werden.
Zu den einzelnen von Ihnen aufgeführten Punkten:
1. „Abschreckung durch harte Strafen“: Sie schreiben, dass der DOSB in seinem Aktionsplan fordert, den Welt-Anti-Doping-Code zu unterstützen und Höchststrafen von vier Jahren zu verhängen. Dies ist eine dieser inhaltslosen Forderungen. Das OLG München hat in der Entscheidung zum Fall “Krabbe II” die zwei-Jahres-Sperre als Höchststrafe bestätigt. Nur der Gesetzgeber wird an diesem Recht etwas ändern können, der DOSB könnte ihn darin aber unterstützen. Diesbezügliche Aktivitäten sind mir indes nicht bekannt. Zudem steht die von Ihnen verbal unterstützte Kronzeugen-Regelung zwar im Regelwerk der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, doch ist mir in diesem Zusammenhang nicht bekannt, dass der organisierte deutsche Sport Initiativen dahingehend unternommen hat, diese auch konkret umzusetzen, um über die Anwendung dieser Regel an Hintermänner des Dopings heranzukommen. Es war Professor Werner Franke, der Mitautor des SPIEGEL-Beitrages und des Dopingbuches, der in diesem Sommer die erste bindende Regelung und Zusage schriftlich bei der WADA, d.h. hier Präsident Richard Pound persönlich, im Fall des Radprofis Jörg Jaksche erbeten und erhalten hat.
Zum Beispiel kam im Fall des Leichtathletiktrainers Thomas Springstein nur durch Zufall heraus, dass die 16-jährige Sprinterin Anne-Kathrin Elbe die ihr als “Vitaminpillen” untergeschobenen Testosteron-Präparate – wohl instinktiv – nicht genommen hatte. Nur dadurch und durch den couragierten Einsatz des DLV-Funktionärs Theo Rous gelangte diese Tat doch noch vor Gericht. Springsteins Tun war übrigens Silvester 1991 in einer “Riverboat”-Sendung des MDR von der früheren DLV-Aktivensprecherin und Brigitte Berendonk vorausgesagt worden (”Die Katze lässt das Mausen nicht!”), worauf der organisierte Sport damals wütend über die Warnerin herfiel. Die „Projektgruppe Sonderprüfung Doping“ des Bundesinnenministeriums hat jetzt noch einmal aktuell ausdrücklich auf den laxen Umgang mit den belasteten Trainern hingewiesen (SPIEGEL 43/2007).
DER SPIEGEL
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